{"id":374,"date":"2022-03-03T12:45:52","date_gmt":"2022-03-03T11:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/?p=374"},"modified":"2022-03-03T12:45:52","modified_gmt":"2022-03-03T11:45:52","slug":"bedeutung-des-weinbergs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/?p=374","title":{"rendered":"Bedeutung des Weinbergs"},"content":{"rendered":"\n<p><a><\/a><strong>\u00dcber den wissenschaftlichen Wert des Herborner Weinbergs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein erhaltenswertes Naturdenkmal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von Werner Specht (Greifenstein-Beilstein)<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahrzehnten war es still geworden um die Geologie des Weinbergs. Als Naturdenkmal gesch\u00fctzt, durften dort keine Fossilien mehr gesammelt werden; es sei denn, die gesammelten Objekte dienten wissenschaftlichen Zwecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Heinzcarl Bender (1904 \u2013 1978) aus Herborn nicht mehr lebt, h\u00f6rt man nicht mehr viel vom Weinberg. Ihm hatte der Erhalt dieses geologischen Naturdenkmals sehr am Herzen gelegen. Von Zeit zu Zeit hatte er ein Lebensbild des ehemaligen Kulmmeeres bei Herborn ver\u00f6ffentlicht. Hier ein nachempfundenes kurzes Paradigma.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ca. 340 Millionen Jahren war unsere Heimat von einem flachen Meer bedeckt, dem sogenannten Kulmmeer. In der N\u00e4he von Herborn gab es eine Flussm\u00fcndung, aus der k\u00fchles und n\u00e4hrstoffreiches Wasser ins damals tropische Meer gesp\u00fclt wurde. Unter den gegebenen Bedingungen fanden nat\u00fcrlich viele Tiere ihre Lebensgrundlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Beispiele: Dreilappkrebse (Trilobiten) durchfurchten den Schlamm, Armf\u00fc\u00dfer (Brachiopoden) und Muscheln (z. B. Posidonia) besiedelten das Meer, fr\u00fche Vorl\u00e4ufer der Tintenfische, die Krummh\u00f6rner (Goniatiten) und Gradh\u00f6rner (Orthoceras) schwebten im Wasser. Pflanzenteile trieben im Meer, z. T. heute noch als Fossil auf Schieferfl\u00e4chen gut erhalten, zeigen Landn\u00e4he an.<\/p>\n\n\n\n<p>Im S\u00fcden entstand sp\u00e4ter eine Erhebung, die sogenannte Mitteldeutsche Schwelle. Eine \u00c4nderung der Verh\u00e4ltnisse trat ein, die Schieferablagerungen wurden durch Grauwackensedimente ersetzt. Diese Ereignisse lassen sich auch am Weinberg studieren. Die Zeit der reichhaltigen Fauna des Meeres endete wohl damit. Soviel als anschauliche Kulisse.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/adc5a36a-5014-4e4a-8b19-48343ee52c52\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Zwei Poseidons-Muscheln, je 3 cm (Posidonia becheri), darunter ein Schachtelhalmstengel. Fundort: Kulmschiefer Erdbach. Foto: Werner Specht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was hinterlie\u00df nun dieses Kulmmeer an au\u00dfergew\u00f6hnlichen Funden? Den wohl bedeutendsten Fund eines Fossils beschrieb Professor Goldfuss 1838. Ein Gliederf\u00fc\u00dfler namens\u00a0<strong><em>Bostrichopus<\/em><\/strong>\u00a0<strong><em>antiquus<\/em><\/strong>, von dem man zun\u00e4chst<strong><em>\u00a0<\/em><\/strong>annahm, dass es eine Spinne sei, die vom Land in das Meer gelangt war. Prof. Gerhard Hahn (Marburg) hat dieses Tier jedoch sp\u00e4ter als Larve eines Krebstieres bestimmt, das schwebend im Meer gelebt hat. Ein bisher einmaliger Fund! Eine gr\u00f6\u00dfere Bearbeitung des Weinbergs hat Dr. ing. Wolfdrietrich Bindemann (Herborn) durchgef\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/03d99c4f-2720-4cf8-ae3d-1578a9f09f32\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Bostrichopus antiquus<\/em>, (a) das ganze Tier, (b) der Rumpf, (c)<\/strong> <strong>einzelne Ranke, vergr\u00f6\u00dfert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus: Meyers Gro\u00dfes Konversations-Lexikon, 1905<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als geologisch Interessierter hat er die Weinbergschichten geologisch vermessen, jedes einzelne Schichtpaket und dessen Lage wurde notiert. Dabei stellte er fest, dass die Ablagerungen des Weinbergs 112 m betragen, w\u00e4hrend die gleichen Schichten im Sauerland nur 1 m messen. Wie kommt das? Im hier untersuchten Gebiet befand sich die oben erw\u00e4hnte Flussm\u00fcndung, die ihre Sinkstoffe immer weiter ins Meer hinaus verlagerte. Dabei h\u00e4uften sich die Ablagerungen an.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der genauen Erforschung der Weinbergschichten machte Bindemann 1938 als Primaner eine sensationelle Entdeckung: Er fand die Reste eines bisher noch nicht entdeckten&nbsp;<strong>Seeigels<\/strong>, der in Teilen auf den Schichten lag. Diese Teile geh\u00f6rten zu dem kompliziert<strong>&nbsp;<\/strong>gebauten Kauapparat dieses Seeigels. Plinius nannte den Seeigel-Kauapparat die \u201eLaterne des Aristoteles\u201c. Die Z\u00e4hne der \u201eHerborner Laterne\u201c sind gezackt, was bisher nur bei einer einzigen aber j\u00fcngeren Seeigelart aus Amerika beobachtet wurde. Der Fund des Herborner Seeigels wurde nach dem Finder&nbsp;<strong><em>Meekechinus herbornensis<\/em><\/strong>&nbsp;<strong>Bindemann<\/strong>&nbsp;genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurden von Bindemann allerdings noch mehr Tierarten gefunden, n\u00e4mlich \u00fcber 100, z. T. neue Arten. Mit seinem Namen verbunden sind au\u00dferdem der Trilobit\u00a0<strong><em>Carbonocoryphe<\/em><\/strong> <strong><em>bindemanni\u00a0<\/em><\/strong>und ein Goniatit mit Namen<strong><em>\u00a0Girtyoceras bindemanni<\/em><\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/c87c66fa-4f2b-4977-991f-d1123ca189f6\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/19696f8c-b564-4b06-a3d3-44937661c67d\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Vergr\u00f6\u00dfertes Modell der &#8222;Laterne des Aristoteles&#8220;. <\/strong><br><strong>Sie dient zum Bei\u00dfen und Nagen bei den Seeigeln. Der griechische Gelehrte hat die Funktion dieses Werkzeuges schon gekannt und beschrieben. Bild aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28.09.1994, Repro: Werner Specht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tafel 1 aus Dr. Bindemanns Sonderdruck (Senckenbergiana 1938). Die Einzelteile der &#8222;Herborner Laterne&#8220;. Repro: Museum Herborn.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><a><\/a><strong>Der Goniatit&nbsp;<em>Girtyoceras bindemanni<\/em>, ca. 5 cm. Rechts unten eine Posidonia-Muschel.-Kulm.- Fundort: Erdbach. Foto: Wolfgang Paul.<\/strong><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"174\" height=\"230\" src=\"blob:http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/13b6653e-2129-4433-a379-d2418e4389e2\"><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein G\u00f6ttinger Student hat Anfang der<strong><em>\u00a0<\/em><\/strong>1970er Jahre f\u00fcr seine Doktorarbeit auf die Unterlagen von Dr. ing. Bindemann zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Diese Dissertation umfasst eine bestimmte Zone aus der Kulmzeit, wobei Goniatiten noc als Leitfossilien dienten. Mit einbezogen in die Arbeit waren die gleichen Schieferschichten des Kulmzeitraumes im Sauerland.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Vielzahl der Trilobitenarten aus der Kulmzeit haben sich Prof. G. Hahn und seine Ehefrau Renate (Marburg) verdient gemacht. Fast alle Trilobitenarten wurden von ihnen bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor l\u00e4ngerer Zeit gelang eine weitere wichtige Entdeckung in den Weinbergschichten. Durch Zufall wurden die Reste eines\u00a0<strong>Schlangensterns<\/strong> entdeckt. beschrieben wurde dieser Fund 1981 von den Professoren Gerhard Hahn und Carsten Brauckmann. Ein Res\u00fcmee war: \u201eDie Schlangensterne im Kulm bei<\/p>\n\n\n\n<p>Herborn zeigen erneut an, dass der Meeresboden besiedelt war und die Lebensbedingungen damit nicht ung\u00fcnstig waren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"blob:http:\/\/www.xn--brger-fr-herborn-jzbg.de\/8512345e-e09e-46a8-8759-f8dc01ec90ca\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Schachtelhalmstengel, L\u00e4nge 8 cm. Im Kulmschiefer von<\/strong> <strong>Dainrode bei Frankenberg\/Hessen. Foto: Werner Specht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine Pflanzenseltenheit gab es. Ein ehemaliger Herborner, Stephan Spitzer, fand vor vielen Jahrzehnten eine Schieferplatte mit dem Abdruck einer Blattscheide mit gegabelten Enden von einem urzeitlichen Schachtelhalm. Die Untersuchung im Senckenbergmuseum ergab, dass es sich um eine neue unbekannte Form handelt. Prof. Leistikow (Frankfurt) ehrte auch hier den Finder mit dessen Namen:&nbsp;<strong><em>Archaeophyllum<\/em><\/strong><strong><em>spitzeri<\/em><\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurden hier haupts\u00e4chlich ber\u00fchmte Einzelfunde aus den Herborner Weinbergschichten aufgez\u00e4hlt und beschrieben, um die wissenschaftliche Bedeutung dieses Naturdenkmals zu w\u00fcrdigen. Eine vollst\u00e4ndige Erhaltung des Weinbergs w\u00e4re eigentlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, denn mit Sicherheit birgt der Weinberg noch viele geologische Kostbarkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bender, H. C. (1959a): Am urzeitlichen Meeresstrand in Herborn. Heimatjahrbuch f\u00fcr den Dillkreis 1959.<\/p>\n\n\n\n<p>Bender, H. C. (1973b): Faszinierende Jagd in der heimatlichen Urgeschichte. Herborner Tageblatt, 05. Januar 1973.<\/p>\n\n\n\n<p>Bindemann, Dr. ing. W. (1938a): Ein Echinid mit Laterne aus dem Kulm von Herborn.<\/p>\n\n\n\n<p>Senckenbergiana, Band 20, Frankfurt am Main. Sonderdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Anonymus (b): Leitfossilien in der Schieferwand. Dillzeitung. 14. Oktober 1959<\/p>\n\n\n\n<p>Bindemann, Dr. ing. W. (1962c): M\u00fcndliche Aussage.<\/p>\n\n\n\n<p>Flick, H. (2013): Das Rheinische Schiefergebirge &#8211; eine geologische Geschichte. Aufschluss 64, Heidelberg. Sonderdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Hahn, G. und Hahn, R. (1975): Die Trilobiten des Ober-Devon, Karbon und Perm. Berlin (Borntr\u00e4ger).<\/p>\n\n\n\n<p>Hahn, G. und Brauckmann, C. (1981): Ein neuer Ophiuren-Fund aus dem Kulm von Herborn.<\/p>\n\n\n\n<p>Geol. Jb. Hessen 109, Wiesbaden. Sonderdruck.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fckenthal, W. (1920): Zoologisches Praktikum. Verlag G. Fischer. Jena.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicolaus, H. J. (1958): Zur Stratigraphie und Fauna der crenistria-Zone im Kulm des Rheinischen Schiefergebirges. Diss. Univ. G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den wissenschaftlichen Wert des Herborner Weinbergs Ein erhaltenswertes Naturdenkmal von Werner Specht (Greifenstein-Beilstein) In den letzten Jahrzehnten war es still geworden um die Geologie des Weinbergs. Als Naturdenkmal gesch\u00fctzt, durften dort keine Fossilien mehr gesammelt werden; es sei denn, die gesammelten Objekte dienten wissenschaftlichen Zwecken. 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